Grelles Pink trifft schwarzes Grau – Prolog Teil 1

Prolog: Zwei Welten.

Überraschungstest

Wütend war Noemi eigentlich nicht, als sie die verregnete
Allee hinunterlief. Sie war bloß … aufgeregt und unendlich traurig. Es war ein Tag, an dem alles daneben ging.

Heute morgen war alles in Ordnung gewesen, und jeder hatte
Spaß in seinem Leben. Anscheinend nicht genug, denn alle wollten auf einmal ihr Leben zunichte machen.

Ihr Philosophielehrer, Herr Dr. Tobias Breitner, der so hieß, wie er aussah, und zu allem Überfluss noch eine Brille trug, die seine Warze neben dem rechten Auge vergrößerte, hatte sie unaufgefordert nach vorne geholt und dann etwas von … Rousseau? (War auch egal, das einzige, worüber sie
ihm etwas erzählen konnte, waren die Fußballergebnisse des letzten Abends) geredet. Rousseau. Wer brauchte so einen Schweinkram. Ein Schauspieler schien es nicht zu sein, wenn man den Wutausbruch Breitners deuten wollte.

Schlichtungsversuche

Ihre Mutter, ihres Zeichens Psychologin und mit pädagogisch
wertvoller Kindererziehung bestens vertraut, hatte sie vor die Wahl gestellt, sich freiwillig für das „Kapitalistische Arschloch“ zu entschuldigen, mit dem sie ihn daraufhin verglichen hatte, oder … dazu gezwungen zu werden.

Kapitalistisch deshalb, weil …  alle kapitalistisch sagten.
Und Arschloch, das brauchte keine Erklärung. Das war gemein, Betrug am
Urvertrauen des Menschen!

Nach ihrer Weigerung hatte Mama die Konsequenzen gezogen und
das Verstärkerkabel ihrer E-Gitarre versteckt, nein, an einem sicheren Ort
hinter der stillen Treppe hinterlegt.

Noemi würde um eine Entschuldigung nicht herumkommen, so,
wie es aussah. Hatte die sich so gedacht. Pah. Das war genug für einen Tag.

Ihre Mutter hatte sich gegen sie verbündet, Kampf dem Feind!

Noemis Kampf

Und so war sie hier gelandet. Es war kalt, nass und
ungemütlich. Sie fror, verdammt, in ihren Strumpfhosen und dem Mini. Sie hätte doch etwas Langärmliges nehmen sollen, aber Kampf war Kampf und Streik war Streik, und ihr Streik hieß: Anziehstreik! Ha!

Sie schnaubte verächtlich und sah, wir ihr Atem in einer weißen Wolke aus ihrem Mund quoll. Jetzt musste sie doch ein bisschen weinen.
Es war traurig, einfach irrsinnig traurig, was sie durchmachen musste.

Zitternd und bibbernd blieb sie vor Kais Haustür stehen und suchte nach dem Klingelknopf. In ihrer Eile erwischte sie auch den darunter, und um der alten Frau Hubermair nicht in die Arme zu laufen, die es gar nicht schätzte, aus ihrem Mittagsschläfchen gerissen zu werden, blieb sie
weitere fünf quälende Minuten im Regen stehen. Armes, krankes Mädchen. Das würde ihre Mutter denken. Und wenn sie dann, von ihrer Kuscheldecke gewärmt, einen heißen Kakao bekäme, hätte sich das doch schon gelohnt.


Das Team von gorizi.de bedankt sich ganz herzlich bei Honigfee für die schöne Geschichte.

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