Grelles Pink trifft schwarzes Grau – Prolog Teil 2

Prolog 2. Teil: Zwei Welten

Der letzte Karton

„Nur noch der eine Karton, Agnes, dann haben wir’s geschafft!“, stöhnte die grauhaarige Frau mit der großen, runden Brille. Agnes lächelte, aber ihr Inneres schwankte gerade zwischen tödlicher Erschöpfung und unendlichem Schmerz. Ihr Rücken würde sie umbringen, wenn sie noch einen Karton mehr tragen müsste.
„Natürlich, den Karton schaff ich doch mit links…!“ sagte ihr Mund, während ihr Kopf rebellierte. Sie könnte sich hassen, weil sie immer alles machen musste. Und weil sie nicht nein sagen konnte. Aber eigentlich war das ja genau der Grund, warum alle sie mochten und schätzten. Deshalb fand sie es mit einem Mal gar nicht mehr so schlimm.

Erledigt

Agnes ließ sich aufs Bett fallen und schloss die Augen. In ihrem Kopf hämmerten sämtliche Porzellanpuppen, die sie für ihre Mutter in den zweiten Stock getragen hatte, mit kleinen Hämmerchen auf ihr Hirn ein.
Ein Gutes hatte es, endlich ein eigenes Zimmer zu haben. Es würde sie niemand abends mehr stören, wenn sie las oder arbeitete. Kein kleiner Bruder, der mit seinen Legoautos über ihre Hausaufgaben fuhr, keine Schwester, die mit Fingerfarbe Flecken auf ihrer Lieblingsbluse hinterließ.
„Jeanne, Martin!“ hörte sie ihre Mutter rufen. „Kommt ihr bitte zum Essen? Ach, Agnes, du auch!“
Agnes seufzte. Irgendwie vermisste sie ihre Geschwister jetzt schon.

Pläne

„Ich muss noch den Spielkreis für morgen vorbereiten. Bei gutem Wetter wollten wir in den Wald gehen, aber daraus wird wohl nichts…“ Der Regen wollte einfach nicht aufhören. Es war deprimierend, nach draußen zu sehen und auf eine graue Wasserwand zu blicken.
„Das ist, weil Jeannie morgen ihren Teller nicht aufgegessen hat!“, ließ Martin anmerken.
„Gestern, Martin, es heißt gestern“, verbesserte Agnes ihren kleinen Bruder.
„Mama, hast du noch meine alten Malbücher? Ich brauche ein paar Ideen für Herbstbilder, damit ich morgen den Nachmittag rumkriege…“
„Agi, du solltest dir Gedanken über den ersten Schultag machen. Hast du etwas zum Anziehen?“
„Ja.“
„Schulsachen?“
„Gekauft.“
„Bist du…“
„…jaaah…“
Agnes lächelte. Sie lächelte immer. Und für jeden. Aber fast am liebsten für ihre Mama.


Das Team von gorizi.de bedankt sich ganz herzlich bei Honigfee für die schöne Geschichte.

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